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Give us back our language!

Der belgische Philosoph und Ökonom Philippe Van Parijs ist ein leidenschaftlicher Vertreter der Idee einer geteilten Sprache als demokratischem Prinzip. In dieser Sache wirbt er seit Jahren für Englisch als eine Lingua franca, wobei er sich auf das sogenannte Maximin-Prinzip beruft: Zur Verständigung zwischen Personen mit verschiedenen Muttersprachen dient praktischerweise die Sprache, die Kommunikation am wenigsten mühsam macht und die wenigsten ausschließt. Die Sprache, die in einem bestimmten Gespräch als Lingua franca fungiert, ist demnach nicht diejenige, die die meisten Mitglieder am besten beherrschen, sondern diejenige, die das Mitglied mit der schwächsten Kenntnis dieser Sprache am besten kann. Das Maximin-Prinzip ist keine normative Forderung, sondern ergibt sich aus der Beschreibung alltäglicher Sprachpraxis; es ist genau das, was zwischen mehrsprachigen Sprechern geschieht, wenn nichts anderes als Kommunikation wichtig ist: Man richtet sich nach dem größtmöglichen gemeinsamen Nenner oder, wie Van Parijs formuliert, nach der «maximalen minimalen Kompetenz».

Dargelegt hat Van Parijs seine Ideen unter anderem in dem Buch Linguistic Justice for Europe and for the World(Oxford University Press 2011; erschienen auf Deutsch unter dem Titel Sprachgerechtigkeit für Europa und die Welt, Suhrkamp 2013) In der 2018 erschienenen Schrift Belgium. Une utopie pour notre temps (Band 4 der Reihe «Transversales», Académie royale de Belgique 2018) geht Van Parijs auch auf die Frage ein, was der Brexit für Englisch als Lingua franca bedeutet. Der folgende Text ist eine leicht angepasste Übersetzung aus dem dritten Kapitel dieses Buches: «Un demos belge pour le 21e siècle» (Seiten 65–71).

Wenn es eine eindeutige Tendenz in der sprachlichen Entwicklung Europas in den letzten Jahrzehnten gibt, dann ist es der schnelle, von Jahr zu Jahr, von Generation zu Generation beobachtbare Anstieg des Anteils nicht-anglophoner Europäer, die sich auf Englisch verständigen können. Bei den ältesten Bürgern der Europäischen Union liegt Deutsch noch vor Englisch. Aber unter den Jüngsten können dreimal so viele Englisch wie irgendeine andere Sprache.

Diesem allgemeinen Trend liegt nichts anderes zugrunde als […] das Zusammenspiel zwischen der Angewohnheit, systematisch die Maximin-Sprache zu übernehmen, und dem Spracherwerb, dessen Geschwindigkeit und Qualität von der Wahrscheinlichkeit des Gebrauchs bestimmt wird. Sobald zum Beispiel die Mehrzahl der Italiener besser Englisch als Französisch und auch die Mehrzahl der Franzosen besser Englisch als Italienisch spricht, führt die Maximin-Regel dazu, dass in den Gesprächen zwischen Franzosen und Italienern meist Englisch gewählt wird. Damit haben beide mehr Gelegenheit, Englisch zu sprechen als die Muttersprache ihres Gesprächspartners und werden in der Antizipation dieser Wahrscheinlichkeit mehr in das Erlernen von Englisch investieren. Folglich befindet sich Englisch noch häufiger in der Maximin-Position und wird also noch öfter verwendet, was wiederum mehr Gründe und Gelegenheiten bedeutet, es zu erlernen und so weiter.

Diese spektakuläre Entwicklung beschränkt sich nicht auf Europa. In den unterschiedlichsten Ländern bieten die Museen und Ausstellungen Informationen für die Einheimischen in der Landessprache und für die Ausländer auf Englisch. In den Flugzeugen werden uns die Sicherheitsanweisungen oft in der Sprache der Fluggesellschaft und auf Englisch mitgeteilt. Und in Peking sind die Straßennamen auf Chinesisch und Englisch angeschrieben. Wäre es nicht vorstellbar, dass sich dieses Phänomen eines Tages zugunsten von Mandarin, der weltweit meistgesprochenen Muttersprache umkehrt? Vor einigen Jahren haben mehr als vierzig Millionen Menschen außerhalb Chinas sich bemüht, Mandarin zu lernen, aber viermal so viele waren allein in China dabei, Englisch zu lernen, also die Hälfte der Einwohnerzahl der Vereinigten Staaten. Aufgrund der Maximin-Dynamik ist das Phänomen nicht umkehrbar, und die großen Gewinner werden die des Englischen mächtigen Chinesen sein. Eines Tages werden alle zweisprachig sein, nur die englischen Muttersprachler nicht. Und diese Zweisprachigkeit wird umso wertvoller sein, je weiter die Muttersprache verbreitet ist, deren Kenntnis zu Englisch hinzukommt.

Mit besonderer Ausprägung und Signifikanz ist dieses weltweite Phänomen in den europäischen Institutionen in Brüssel zu beobachten. In einer Europäischen Union, die vorgibt, auf der Gleichheit ihrer Mitglieder zu beruhen, hat man sich eine Zeit lang in der Illusion wiegen können, dass alle Amtssprachen der Mitgliedstaaten gleichberechtigt koexistieren könnten. Doch diese Illusion hatte immer weniger Überlebenschancen, denn die Zahl der Amtssprachen wuchs durch die sukzessiven Erweiterungen, und das immer breitere Feld der gemeinsam zu treffenden Entscheidungen erforderte Unterredungen, die bei Weitem über den engen Zirkel einer polyglotten Elite hinausgingen. Selbst in den ersten Jahrzehnten der Geschichte der europäischen Institutionen, als es noch viel weniger Amtssprachen gab als heute, ging die proklamierte Gleichheit in der Praxis mit einer großen Ungleichheit einher. Französisch hatte aufgrund des Zusammenwirkens von vier Faktoren eine vorherrschende Stellung inne: der Rolle der französischen Politiker in der Gründungsphase, der Standortwahl der Sitze in drei mehrheitlich frankophonen Städten, der Zurückhaltung der Deutschen und der Italiener in Folge des Zweiten Weltkriegs und der Tatsache, dass die Zweitsprache der Briten im Allgemeinen Französisch war. Folglich wurde die erste Fassung der von den europäischen Institutionen vorgeschlagenen Texte meist auf Französisch redigiert, diskutiert und beschlossen, bevor sie in die anderen Amtssprachen übersetzt wurde. Mit der Erweiterung der EU um Schweden, Finnland und Österreich im Jahr 1995 begann Englisch, seinen Rückstand gegenüber Französisch aufzuholen und hat ab der großen Erweiterung von 2004 Französisch weit hinter sich gelassen. Im heutigen Europa der 28 ist die erste Textfassung fast immer auf Englisch. Gewöhnlich werden die Pressekonferenzen auch auf Englisch gehalten. Und immer wenn auf einem Gebäude der europäischen Institutionen ein Slogan in einer einzigen Sprache stehen soll, so fällt die Wahl auf Englisch.

Aber wird sich das nicht bald ändern? Englisch war nach Deutsch und Französisch die am häufigsten gesprochene Muttersprache der Europäischen Union. Aber in einer Post-Brexit-EU wird Englisch auf den achten Platz zurückfallen, weit hinter Niederländisch. Ist ein Rückgang seiner Verwendung innerhalb der Institutionen daher vorprogrammiert? Überhaupt nicht. Denn was Englisch zur Lingua franca der Europäischen Union macht, ist weder der offizielle Status dieser Sprache in der Union noch die Tatsache, dass das Vereinigte Königreich ein Teil der Union ist. Der oben beschriebene Maximin-Mechanismus verleiht der Sprache, deren Kenntnis bereits bei Weitem am verbreitetsten ist, einen sich selbst verstärkenden Vorsprung. Im Hinblick auf den Gebrauch der englischen Sprache innerhalb der Union ist der Brexit sogar von Vorteil. Englisch wird künftig eine neue Neutralität für sich geltend machen können, da seine Wahl nicht länger als etwas wahrgenommen wird, das einem der großen Mitgliedstaaten der Union einen Benefit verschafft. Gleichzeitig wird es aber für uns auch um eine Wiederaneignung gehen.

Englisch ist nämlich eine kontinentale Sprache, die durch zwei aufeinanderfolgende Invasionen vom europäischen Festland aus der Bevölkerung der größten der Inseln in Reichweite seiner Küsten aufgezwungen worden ist. Im fünften Jahrhundert haben die Angeln und Sachsen die germanische Komponente exportiert, und im elften Jahrhundert kam mit den Normannen die französische Prägung. Diese hybride europäische Sprache ist später dem Rest der britischen Inseln und einem Großteil Nordamerikas und Ozeaniens aufgezwungen worden. Wir Europäer müssen sie uns heute wieder aneignen. Hören wir dringend damit auf, sie mit der britischen Fahne in Verbindung zu bringen, wie das weiterhin auf manchen Websites getan wird, haben wir den Mut, ohne Komplexe diese Sprache, die auch die unsere ist, mit der schillernden Vielfalt unserer Akzente zu sprechen, und nehmen wir uns die Freiheit, nach Belieben Neuschöpfungen einzuführen! Alle zwei Jahre veröffentlicht ein britischer Funktionär, Jeremy Gardner, einen Bericht über die «misused English words and expressions in EU publications» für jene, die «aus charakterlichen, persönlichen oder geschmacklichen Gründen wünschen, dass ihr Englisch so korrekt wie möglich sei».

Er prangert zum Beispiel den Ausdruck sheep meat an, der für das Fleisch verwendet wird, das die Briten in ferner Erinnerung an die normannische Eroberung mutton nennen. Die Absicht ist verständlich. Aber es steht den Briten nicht zu, uns ihre Insel-Version unserer Lingua franca aufzuzwingen. Der Brexit wird dort von vielen als Mittel angesehen, den Slogan «Give us back our country!» zu verwirklichen. Für uns ist er eine gute Gelegenheit, ihnen, ohne ihnen irgendetwas wegzunehmen, zu sagen: «Give us back our language!»

Diese Lingua franca ist für uns jedoch mehr eine Aufgabe für die Zukunft als etwas bereits Erworbenes. Es ist wichtig, dass ihre Kenntnis so schnell und so tiefgreifend wie möglich demokratisiert wird. Dieses Gebot wurde kraftvoll und mutig vom ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck formuliert […]: «Es stimmt ja: Die junge Generation wächst ohnehin mit Englisch als Lingua franca auf. Ich finde aber, wir sollten die sprachliche Integration nicht einfach dem Lauf der Dinge überlassen. Mehr Europa heißt nämlich nicht nur Mehrsprachigkeit für die Eliten, sondern Mehrsprachigkeit für immer größere Bevölkerungsgruppen, für immer mehr Menschen, schließlich für alle! Ich bin überzeugt, dass in Europa beides nebeneinander leben kann: die Beheimatung in der eigenen Muttersprache und in ihrer Poesie und ein praktikables Englisch für alle Lebenslagen und Lebensalter. Mit einer gemeinsamen Sprache ließe sich auch mein Wunschbild für das künftige Europa leichter umsetzen: eine europäische Agora, ein gemeinsamer Diskussionsraum für das demokratische Miteinander.» Diese Position wird seit Langem zum Beispiel vom Philosophen Jürgen Habermas vertreten.

Um ihren demokratischen Ansprüchen gerecht zu werden, muss die Union auf einen ausreichend vereinten Demos zählen können, auf eine gemeinsame Agora, die den europäischen Bürgern ermöglicht, miteinander zu sprechen und einander zuzuhören. Und ohne geteilte Sprache gibt es keine gemeinsame Agora. Denn weder die kostspielige Inanspruchnahme von Dolmetschern noch die Entwicklung von Übersetzer-Apps für gesprochene Sprache noch Mehrsprachigkeit ohne geteilte Sprache bilden glaubhafte Alternativen. Eine geteilte Sprache, nicht eine einzige Sprache, eine Sprache, die zu den Landes- und Regionalsprachen hinzukommen kann und muss, ohne sie zu ersetzen. Die gemeinsame Agora, die die Europäische Union braucht, verlangt also (zumindest) eine weit verbreitete Zweisprachigkeit.

Was die jungen Generationen betrifft, sind wir in mehreren Mitgliedstaaten nicht weit von einer solchen Zweisprachigkeit entfernt. Anders verhält es sich in den Teilen der europäischen Union – darunter fällt das frankophone Belgien –, in denen die Amtssprache eine weitverbreitete Sprache ist. Ihr Rückstand ist teilweise der Tatsache geschuldet, dass hier die Bewohner im Durchschnitt weniger oft Menschen begegnen, die nicht ihre Sprache sprechen. Er ist aber ebenso darauf zurückzuführen, dass englischsprachige Filme für das Publikum viel gesprochener Sprachen zumeist synchronisiert werden, während sie für die weniger prominenten Sprachen mit Untertiteln versehen sind. Es gibt keine effizientere und billigere Methode der Demokratisierung der Lingua franca als eine abgestimmte Politik, die systematisch untertitelte Fassungen im Fernsehen, in den Kinos und im Internet fördert, ja die Synchronisierung sogar verbietet.

Doch selbst in einem weniger günstigen medialen Umfeld ist die Maxi-min-Dynamik am Werk. Mit oder ohne Brexit: Die Kenntnis und der Gebrauch des Englischen wird nicht mehr zurückgehen. Im Gegenteil, Kenntnis und Gebrauch werden sich noch weiter verbreiten. Und damit sich eine supranationale Demokratie in kleinen Schritten konkretisieren kann, muss dies überall in Europa und im Übrigen auch darüber hinaus der Fall sein.

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